Über Hulk und seine Psyche – warum die Sucht nach Muskeln so gefährlich ist  

 

 

Von hinten ist kaum zu erkennen, wo sein Kopf endet und der Stiernacken beginnt. Der orangefarbene Designerstuhl auf dem Mike* Platz genommen hat, wirkt unter ihm lächerlich klein. Der ein Meter neunzig Mann, tätowiert, Glatze, entspricht dem typischen Bodybuilder Klischee. Seine erste Anmeldung im Fitnessstudio, war im Alter von neunzehn. Sich das erste Mal etwas gespritzt, hat er mit einundzwanzig. Er hätte „gepumpt wie ein Blöder“ aber „es ging einfach nichts mehr.“ erklärt der Hüne mit einem entschuldigenden Blick. Das ist nun sieben Jahre her.  

 

Laut einer Studie des Robert Koch Institutes aus dem Jahr 2006¹, wurden bei Bodybuilding Wettkämpfen in 40 % der getesteten Urinproben leistungssteigernde Substanzen nachgewiesen. Bei freiwilligen Umfragen in Fitnessstudios gaben bis zu 29,5 % an, regelmäßig beim Muskelzuwachs nachzuhelfen.  Die Zahlen dürften, vor allem wegen des boomenden Internethandels, seitdem weiter gestiegen sein. Offizielle Statistiken jüngeren Datums gibt es hierzulande nicht.  Auf Nachfrage teilt das Statistische Bundesamt mit, dass „…valide Studien schwer durchführbar sind, da eine rechtliche Grundlage für Kontrollen in Fitnessstudios nicht gegeben ist. Der Missbrauch von Anabolika ist außerdem ein Teilbereich des Dopings…“.  Und hierfür gäbe es „…ausführliche Berichte der Deutschen Anti Doping Agentur (NADA) sowie, für das internationale Umfeld, den McLaren Report der Anti-DopingAgency (WADA).“ 

 

Dies sind nur zwei der Gründe, warum der Missbrauch von leistungssteigernden Substanzen im Freizeitsport immer mehr in den Hintergrund gerät. Für die gleiche Chancenverteilung in hochdotierten, sportlichen Wettbewerben, tritt eine starke Lobby ein. Das öffentliche Interesse ist folglich enorm.  Der Mikrokosmos, indem sich Athleten wie Mike bewegen, ist hingegen abgeschirmt. Nicht selten verbringen Bodybuilder ihr ganzes Privatleben in sogenannten Hardcore Gyms, die sich darauf spezialisiert haben Muskelpakete wie aus einem Comic entsprungen, zu formen. So besteht der Freundeskreis häufig aus gleichgesinnten Athleten, die ähnlich fanatisch ihrem Idealkörper entgegentrainieren. Oftmals leider auch, mit illegalen Mitteln. 

 

Googelt man die Nebenwirkungen, die der Konsum von anabolen Steroiden mit sich bringt, landet man unwillkürlich in dubiosen Foren. Bereits nach wenigen Einträgen könnte man den Eindruck bekommen, die Gefahren der synthetischen Hormonpräparate wären ähnlich harmlos, wie die von Aspirin. Spricht man jedoch mit Experten, zeichnet sich ein anderes Bild.  Dr. Luitpold Kistler promovierte zu dem Thema „Todesfälle bei Anabolikamissbrauch“².  In seiner Arbeit sind 48 Nebenwirkungen aufgelistet, die so gar nichts mit dem Bild eines starken Mannes zu tun haben wollen. Neben den bekannten, wie beispielsweise Hodenverkleinerung und Haarausfall, kommen bei etlichen Konsumenten Akne, Mundgeruch und Schlaflosigkeit hinzu. „Die schwerwiegendsten Auswirkungen hat die Einnahme allerdings auf die inneren Organe.“ erklärt Dr. Kistler.  „Am schlimmsten betroffen ist das Herz. Es schwillt an und kollabiert mit der Zeit.  Das Infarkt-Risiko ist bis zu 130-fach höher, als bei einem normalen Menschen. Außerdem wird die Leber stark geschädigt, da sie mit dem Abbau der Abfallprodukte des Hormons dauerhaft überfordert ist.“ 

  

Genau diese gravierenden Schäden sind, zumindest nicht sofort, äußerlich sichtbar. Was wohl der Grund dafür ist, dass es völlig aus dem Bewusstsein der Bodybuilder verdrängt wird.  Mit den Studienergebnissen konfrontiert, zuckt Mike nur mit den breiten Schultern. Es gehe ihm schließlich gut. Und gegen die optischen Kollateralschäden kämpft er mit Gegenmitteln an.  „Meine zwölf Wochen Kuren enthalten immer auch Dutasterid. Das blockiert das Isoenzym I und hilft gegen schlechte Haut und Prostataprobleme. Damit ich keine Brüste bekomme, steckt auch Aminoglutethimid drin.“  Er hätte viel probiert und beschäftige sich schon lange mit den Inhaltsstoffen seiner Präparate.  „Ich hab‘ den Durchblick was ich mir spritze“ betont er mit stolzem Tonfall und nippt an seinem stillen Wasser.  

 

So unbedenklich sich das Wort „Kur“ auch anhört, ist es jedoch nichts anderes als die mehrwöchige Einnahme eines Wirkstoffcocktails von Steroiden und jenen Substanzen, die gegen die unangenehmen Begleiterscheinungen ankämpfen. 

 

Mike gibt bereitwillig Auskunft über sein Hobby. Man merkt ihm an, wie sehr er danach strebt, Anerkennung zu bekommen. Anerkennung für die harte Arbeit, die er in seinen Körper steckt. Lediglich auf die Frage, woher er seine Ampullen Rationen bezieht, reagiert er mit Schweigen. Dass er mit seiner Optik polarisiert, ist ihm bewusst. Erstaunlich selbstreflektiert gibt er zu, dass er es genießt, wenn Leute ihn auf der Straße nach Tipps für Muskelaufbau fragen. Das stärke sein Selbstbewusstsein. Er freut sich, wahrgenommen zu werden. Fügt aber schnell an:  „Ich bin nie in der Schule gehänselt worden weil ich klein oder dick war oder so. Ich hab‘ schon immer zu den coolen Jungs gehört. Das Vorurteil trifft also nicht bei mir zu.“ Er lächelt verschmitzt. Anscheinend ist er bereits öfters nach dem Auslöser seiner „Sucht nach Muskeln“, wie er seine Obsession selbst nennt, gefragt worden. Gleichzeitig gesteht Mike aber auch, dass er häufig in Schubladen gesteckt wird. Insbesondere, wenn er aus seinem getunten 5er BMW steigt, bemerkt er häufig, dass Fremde auf der Straße über ihn tuscheln. 

 

Was treibt aber denn nun einen jungen, gesunden Mann dazu, einem so unnatürlichen Körperbild nachzujagen? Und das trotz der gesundheitlichen Risiken, der Kosten und des enormen Zeitinvestments? 

 

Dieser Frage ist ein Philosoph aus Düsseldorf nachgegangen.  Mit seiner Abhandlung: „Männer und Muskeln - Über die soziale Konstruktion des männlichen Körperideals“³ ist Dr. Jan Benson dem Seelenleben der Bodybuilder auf den Grund gegangen.  

 

Seiner Erkenntnis nach, beginnt alles mit den schnellen, sichtbaren Trainingserfolgen bereits nach der ersten Steroid Kur. Das wirkt sich maßgeblich auf die Trainingsmotivation aus. Das Umfeld der Kraftsportler, reagiert positiv auf die körperlichen Veränderungen. Der schmeichelnde Zuspruch erzeugt ein Hochgefühl.  Um mehr davon zu erhalten, wird immer mehr Zeit im Fitnessstudio verbracht. Zwangsläufig wird dieser Ort, zum sozialen Mittelpunkt. Dort erschließt sich ein neuer Freundeskreis von Gleichgesinnten. Die eigenen Werte und Perspektiven passen sich der neuen Lebenswelt an.  

 

Ein übermäßiger Muskelaufbau, der außerhalb des normierten Körperbildes zu verorten ist, wird plötzlich erstrebenswert. Die ständige Beschäftigung mit der Figur und die Einnahme von illegalen Hilfsmitteln, gilt nun als normal.  

 

Selbst der Blick auf andere Menschen verschiebt sich. Durch die Testosteron Sintflut steigt nicht nur die Aggressivität. Auch neigen die Konsumenten zur Selbstüberschätzung. Die Grundhaltung ist gekennzeichnet durch ein archaisches Männlichkeitsgefühl, dass sich durch körperliche Dominanz gegenüber anderer Männer äußert.  

 

Der Verdacht liegt nahe, dass auch Mike seine Vorstrafen (Körperverletzung) dieser Einstellung zu verdanken hat. Selbst wenn er behauptet „das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“ und der „Hampelmann“ der ihn zuletzt angezeigt hat, hätte es nicht anders verdient.  Laut Dr. Benson, sind diese psychischen Veränderungen allerdings nicht die gravierendsten. Oftmals gipfelt der Teufelskreis in einer Muskeldysmorpie.  Das ist die zwanghafte Vorstellung, nicht muskulös genug zu sein. So wie beispielsweise magersüchtige Mädchen, weisen Männer mit dieser Krankheit ein verzerrtes Selbstbild auf. Hierbei entwickeln sich teilweise selbstzerstörerische Züge. Rigide Diäten (inklusive zahlreicher Nahrungsergänzungsmittel), zwanghaftes einhalten der Ernährungs- und Trainingspläne und Angstzustände, wenn diese selbstauferlegten Regeln nicht eingehalten werden. 

 

Die Männer trainieren häufig auch dann weiter, wenn sie unter einer Verletzung leiden und Schmerzen haben; nur aus Angst, sonst Muskelmasse zu verlieren. 

 

Mike blickt demonstrativ auf seine Uhr. Er müsse jetzt aber los, seine Kumpel warte bereits im Studio auf ihn. Der sichert ihn beim Bankdrücken momentan ab, weil Mike sich eine Sehne in der Schulter gezerrt hat. Wen überrascht es, dass er sich mit dem Satz „Schmerz ist nur Schwäche die den Körper verlässt“ verabschiedet. Nach einem kräftigen Händedruck, schmeißt er seine Uncle Sam Sporttasche über die Schulter und verlässt das Café.  Sein überdimensionales Kreuz füllt dabei den Türrahmen fast vollständig aus.  

 

 

*Name geändert 

 

¹ https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/3186/26Herxag1MT4M_G36.pdf?sequence=1&isAllowed= y 

 ² https://edoc.ub.uni-muenchen.de/5689/1/Kistler_Luitpold.pdf 

 ³   https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate27903/Dissertation_JanBenson_finaleVersion.pdf