Wie viele Bazillen wohl gerade meine Hand hinauf kriechen?

1.000? 10.000? 10 Millionen? Der schwarze Gummi ist eiskalt. Sterben Krankheitserreger auf solch glatten Oberflächen nicht schnell ab?

Als ich mich das frage, fühle ich auch schon wie einige feuchte Tropfen meine Kopfhaut treffen.

"Gesundheit" presse ich zwischen meinen Zähnen hervor, als ich mich umdrehe.

Der scharfe Ton meines Ausrufes hätte eher zu einem "Stirb!" oder "Arschloch!" gepasst.

Doch der Mann hinter mir ignoriert meine Genesungswünsche und sieht mich ausdrucklos an - Wie ein Hund der die Sprache der Zweibeiner nicht versteht.

 

Ich atme tief ein. So wie es mir Dr. Papadopulos gestern geraten hatte. Ich nehme mir vor, sobald ich zu Hause bin, meine verbliebenen Haarsträhnen mit Sagrotan durchzuspülen.

Ich nehme meine Hand vom Handlauf und starre sie an. Sie ist warm. Wenn ich daran denke, wie viele Bakterien sich drauf tummeln müssen, wird mir speiübel.

Ich schaue auf, in die verspiegelte Seitenwand. Mir scheint, als laufe ich grün an, während ich immer weiter in die Tiefe des U-Bahn Schachtes hinabfahre.

Das ist zu viel!

Unten angekommen mache ich auf dem Absatz kehrt. Leichtfüßig wie eine prima Ballerina, drehe ich mich um die eigene Achse. Ein Schritt nach rechts und ich stehe vor der Marmortreppe, die mir den Weg in die Freiheit eröffnet. Ich erklimme in Windeseile die Stufen Richtung rettender Ausgang.

"Gehen Sie unter Leute" hat er gesagt.

"Fahren Sie öffentliche Verkehrsmittel" hat er gesagt.

Dass die todbringenden Bazillen nur darauf warten ein so zartes Männchen wie mich zu verspeisen, wie die Maden einen Tierkadaver in der Sonne, das hat er nicht gesagt.

Ich weiß was er mir entgegnen wird, wenn ich ihm diese Geschichte beichte.

 

Wie ein strenger Lehrer in seinem grünen Sessel, wird er über den Rand seiner tief sitzenden Brille zu mir rübersehen: "Sie müssen sich Ihrer Angst stellen, Herr Finke". Sein Blick wird mich so lange durchbohren, bis ich ihm nicht mehr standhalte.

Wie jeden Donnerstag werde ich eingeschüchtert aus der Praxis kriechen, wie ein getretener Hund, und erneut den Kampf mit meinen Dämonen aufnehmen.

Nein! Diesmal nicht!

Ich trete auf die letzte der 84 Stufen. Endlich oben. Meine Lunge pfeift. Ich werde jetzt nicht aufgeben!

Vor mir leuchtet das Eingangsschild des Karstadt. Ich trete ein. Ein warmer Luftstrom bläst mir von oben auf die kahlen Stellen meines Kopfes.

Wie sauber wohl die Lüftungsschächte in einem so alten Gebäude wie diesem sind?

Bei dem Gedanken, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Eine blonde Dame lächelt mich mittleidig an. So als ob sie wüsste, wie fehl am Platz ich hier bin. Mir wird schon wieder übel.

 

Merken die Leute denn nicht, wie gefährlich es hier ist? Überall lauern mikroskopische Feinde nur darauf, sich auf die Menschen zu stürzen.

Ich muss hier wieder raus! Schnell weg hier! Bloß weg!

 

Da fällt mein Blick auf das Regal mit Desinfektionsmitteln. Es strahlt mich regelrecht an. Wie eine Madonnenerscheinung zieht es mich in seinen Bann.

Als ich nach der Flasche greife, fühle ich bereits die Wirkung des heiligen Elixiers. Mit einem festen Ruck ist der Schraubverschluss offen. Der betörende Duft, dieses Wundermittels beglückt mich jedes Mal aufs Neue.

Ich schließe die Augen.

Ich stöhne wie ein Junkie der sich seinen goldenen Schuss setzt, als ich mir die 400 ml über meinen Kopf gieße. Was für eine Befriedigung.

Ich reibe mir genüsslich mein Genick, mein Gesicht, meinen Hals, meine Hände mit der kribbelnden Flüssigkeit ein.

 

Meine Wonne wird jäh unterbrochen, als ich das harte Metall von Handschellen an meinem Handgelenk spüre….