Er steht 10 cm neben mir. Ich liege hellwach auf dem Sofa und tue so, als würde ich nichts mitbekommen. Seine blassen Knie bewegen sich auf meiner Augenhöhe, während er im Wohnzimmer, zwischen Couchtisch und meinem liegenden Körper, hin und her geht.

Waren seine Waden gestern auch schon so behaart?

Da bückt er sich, um seine Socken unter meinem rosa Ikea Beistelltischchen hervor zu fischen. Während er mir so seinen Hintern entgegenstreckt, denke ich über gestern Abend nach.

Hat er das Taxi bezahlt? In der Hipster Bar jedenfalls, gab er sich keine Mühe den Eindruck eines Kavaliers zu machen.

"Schließlich leben wir im emanzipierten 21. Jahrhundert" flötete er, als er nach getrennten Rechnungen verlangte.

Gott wie ich diese Tinderdates verabscheue. Und mich selbst am nächsten Morgen noch viel mehr. Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Die harte Realität trifft mich jedes Mal mit voller Wucht, sobald die ersten Sonnenstrahlen durch mein Fenster auf den Fremden in meiner Wohnung treffen.

Dieser Morgen danach ist der zugleich unangenehmste, aber auch befreiendste Teil meiner flüchtigen Männerbekanntschaften. Sobald die Tür hinter Marc, Matthias, Manuel oder wie sie auch immer alle heißen, zufällt, durchströmt mich ein Gefühl der Erleichterung.

In dieser Sekunde warte ich angespannt, auf genau diesen Moment.

Der Typ mit den behaarten Waden schleicht nun in seinen Sonnenblumensocken in Richtung Flur. Ich liege stumm da und atme ganz flach.

"Bitte nicht stehenbleiben" rufe ich ihm im Gedanken zu, als er, ohne sich umzudrehen, die Klinke der Haustüre runterdrückt.

2 Sekunden später, bin ich allein in meiner Wohnung. Was für eine Befreiung.